Freitag, 12. April 2013 | Freie Wähler „hinter Gitter“

Bericht: Dagmar Heinrici
Fotos: Norbert Peter

Am vergangenen Freitag traf sich eine kleine Gruppe von Freien Wähler aus der Fraktion und Vorstandschaft vor den Toren der Justizvollzugsanstalt Villingen-Schwenningen. Reiner Baier, Dienstleiter der JVA VS und Matthias Nagel, Leiter der JVA Rottweil nahmen die Besucher im Hof der JVA VS freundlich in Empfang und ließen sich dann aber gleich die Personalausweise aushändigen, ganz den strengen Sicherheitsvorkehrungen entsprechend.


FW_JVA_12_04_13_1 Herr Nagel und Herr Baier erläuterten dann den Ablauf der Besichtigung, die damit begann, dass zuerst alle Taschen, Handys etc. in einem Spint eingeschlossen werden mussten. Dann wurden nacheinander die Aufnahmestationen beschritten, genauso wie sie ein neu eingelieferter Gefangener durchlaufen muss. Zuerst wurden die Besucher ins Aufnahmezimmer geführt, in dem die Personalien des Inhaftierten und das Delikt aufgenommen werden. Dort muss er auch seine eigene Bekleidung gegen die der Anstalt eintauschen und all seine privaten Gegenstände abgeben. So wird aus einem Bürger mit Namen ein Strafgefangener mit einer Nummer, ein Mensch ohne persönliche Freiheit und Identität. Danach ging es in das nächste Zimmer, in dem die Strafgefangenen vom Anstaltsarzt untersucht werden und ihre genaue Krankheitsgeschichte aufgenommen wird, was gerade bei Alkohol- und Drogensüchtigen sehr wichtig ist, um rechtzeitig mit diversen Medikamente den Entzugserscheinungen entgegen wirken zu können.
Weiter ging es vorbei am Küchentrakt, in dem zwei bis drei Strafgefangene arbeiten, dort für Ordnung sorgen und den Spül- und Putzdienst übernehmen. Bei diesen Gefangenen handelt es sich um rechtskräftig Verurteilte, die eine kürzere Haftstrafe verbüßen und meistens ca. 1 ½ Jahre dort sind. Auf Nachfrage erklärte Herr Baier, dass in der Außenstelle Villingen-Schwenningen nur erwachsene männliche Untersuchungs- und Zivilhäftlinge der Amtsgerichtsbezirke Donaueschingen und Villingen-Schwenningen inhaftiert sind und die Zellen derzeit mit 32 Personen belegt sind.

 Weiter ging es durch enge Gänge und viele verschlossene Gittertüren zum Gemeinschaftsraum der Strafgefangenen, in dem gerade die Inhaftierten, die auch tagsüber in der kleinen Werkstatt arbeiten, als kleine Belohnung dort eine Stunde Kraftsport betreiben dürfen. Der Raum glich eher einem Abstellraum und war äußerst karg und ungemütlich. Herr Nagel teilte mit, dass in diesem Raum nicht nur das Krafttraining betrieben wird, sondern dort auch die Weihnachtsfeier oder die Gottesdienste stattfinden.

FW_JVA_12_04_13_2Und wieder ging es im Gänsemarsch hintereinander die schmale Treppe hoch und Herr Baier hatte alle Hände voll zu tun, um die vielen Türen auf- und wieder abzuschließen. Den Besuchern wurde immer deutlicher bewusst, dass sie nun wirklich hinter Gitter waren. Ein paar ganz Mutige ließen sich sogar in eine Zelle einschließen und konnten am eigenen Leib spüren, wie schnell ein beklemmendes Gefühl aufstieg angesichts dieser kleinen und engen Zelle. Kaum vorstellbar für die Teilnehmer, dass dort Menschen monatelang zu zweit auf ein paar wenige Quadratmeter eingesperrt sind und sich dort gerade am Wochenende 23 Stunden am Tag aufhalten müssen.
Direkt unter dem Dach konnten die Besucher dann eine kleine Werkstatt besichtigen, in der für ortsansässige Firmen kleine Teile hergestellt werden. Die Werkstatt bietet jedoch nur 12 Arbeitsplätze, so dass nicht alle arbeitswillige Inhaftierte dort arbeiten können, auch wenn sie das gerne machen würden, wie uns der Anstaltsleiter Herr Nagel versicherte.
Danach konnten wir uns noch den Hof anschauen, auf dem sich die Häftlinge eine Stunde am Tag aufhalten dürfen. Bei gutem Wetter können dort dann auch sportliche Aktivitäten wie Tischtennis oder Volleyball stattfinden.

 Die Besucher wurden dann zum Sozialraum der Justizangestellten geführt, der weder sehr einladend noch gemütlich war und nach den Erläuterungen von Herrn Baier auch nur selten benutzt wird. Hier hatten die Besucher nun die Gelegenheit zu einem ausführlichen Gespräch mit Herrn Nagel, Herrn Baier und Herrn Michael Eich, dem Sozialarbeiter, der seit 25 Jahren schon im Vollzugsbereich arbeitet. Außerdem konnten die Teilnehmer einen Strafgefangenen persönlich befragen, der sich freiwillig dazu bereit erklärt hatte, den Freien Wählern ganz offen und ehrlich Rede und Antwort zu stehen. Die Besichtigung des alten Gefängnisses hatte den Besuchern eindrucksvoll gezeigt, dass hier viele bauliche Mängel herrschen und beispielsweise kein ausreichender Brandschutz in den alten Gemäuern gewährleistet werden kann.

FW_JVA_12_04_13_3 Herr Baier berichtete, dass das Gefängnis in Villingen-Schwenningen 1847 gebaut wurde und nun die Haftplatzkapazitäten nicht mehr ausreichen. Die Nutzung des alten, nicht funktionsgerechten Gebäudes ist trotz umfangreicher Umbau- und Sanierungsmaßnahmen für zeitgemäße Vollzugszwecke problematisch. Der engagierte Sozialarbeiter Herr Eich wies auch besonders auf die Notwendigkeit der Resozialisierung hin, die Möglichkeiten zur beruflichen Ausbildung oder Fortbildung und auch eine menschenwürdige Unterbringung erfordern, wie sie auch der Europäische Gerichtshofs für Menschenrechte vorgibt. Alle Gesprächsteilnehmer waren sich einig, dass das Gefängnis in VS diesen Anforderungen schon lange nicht mehr genügen kann und deshalb auch unter dem wirtschaftlichen Aspekt nur ein Gefängnisneubau die Lösung sein kann.

Mit einem Weinpräsent für Herrn Baier, Herrn Nagel und Herrn Eich, die sich so viel Zeit für die Besucher genommen haben, bedankte sich die Vorsitzende für den äußerst interessanten und informativen Nachmittag und alle Teilnehmer waren froh, dass sie wieder als freie Bürger die JVA verlassen durften.

 


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